| back | cv | article | Artikel (auf Deutsch) | article in Russian | publications
|
||||
Das von ihr bevorzugte druckgrafische Verfahren war stets die Radierung. Souverän beherrscht sie alle Möglichkeiten und Vorzüge dieser Technik. Die richtige Wahl der Faktur, die feine Zeichnung, die Ausdrucksstärke der schwarzen Flächen, die reich schattierten und satten Farbtöne und die "ausgefransten" Konturen des Blattes sind für sie Mittel zum Ausdruck des schöpferischen Gedankens. Olga Okuneva baut konsequent an ihrer subjektiven und symbolhaften Welt und vervollkommnet sie. In den Zyklen "Geschichten rund ums Riesenrad" (1988) und "Der Zirkus ist da" (1989) stellt sie ihre Spielregeln, ihr Theater mit Bühne, Vorhang und mehreren gedanklichen Ebenen vor. Der Platz des Zuschauers ist eigentlich auf den Sitzbänken – d.h. in einiger Entfernung – und doch wird er mit aller Macht in diese Welt hineingezogen, zur gedanklichen Verarbeitung und zum Miterleben des Geschehens animiert. Das scheinbar naive literarische Sujet dieser Blätter wächst sich unerwartet zum Gesellschaftsdrama aus. Okuneva scheut sich nicht, ausgetretene Pfade zu beschreiten: Der Zirkus war in der internationalen Kunst schon immer ein Thema, das dem Künstler erlaubte, sich offen zu äußern. Olga Okuneva ist überzeugt, dass es keine Wiederholung gibt, weil der Blick eines jeden Künstlers ein individueller ist. Olga Okuneva baut die Komposition so auf, dass sich in den Käfigen
nicht nur gequälte Tiere, sondern auch gequälte Menschen wiederfinden.
Gibt es einen Ausweg aus dieser Gefangenschaft? Das Fenster als Leitmotiv zieht sich durch viele Werke Okunevas. Einladend in den Garten geöffnete Fenster ("Der Traum") und mit Metallgittern versehene fest verschlossene Fenster ("Herbstportrait") bringen eine zusätzliche Note in ihre Arbeiten. Im Radierzyklus "Blick aus dem Fenster" (1992) sehen wir Fragmente von Häusern, Straßen und ein sich wiederholendes einsames weibliches Profil in der Fensteröffnung. Die Künstlerin baut eifrig an ihrem Haus, einem "Haus für die Seele", das sie aus einzelnen kuvertähnlichen Häuschen, zerrissenen Kettengliedern und Gittern zusammensetzt, die, Herbstblättern gleich, durch die Luft fliegen. Aus diesem grafischen Monolog, der sich aus der Seele der Künstlerin ergießt, spricht ein Gefühl der Einsamkeit und ungewissen Existenz. Im Jahr 1993 erhielt Olga Okuneva den Auftrag zur Illustrierung des
indischen Nationalepos Mahabharata. Nach intensiver Auseinandersetzung
mit der indischen Kultur, dem indischen Kunstkanon, der Tempelarchitektur
und -skulptur schuf sie 1994 eine Serie von Farbradierungen unter dem
Titel "Mahabharata". Die Blätter dieser Serie gewannen
eine neue künstlerische Qualität und wurden mit unzähligen
und sorgsam ausgearbeiteten Details beladen, ohne dabei die Klarheit
der Aussage, die spielerische Leichtigkeit und Dynamik einzubüßen.
Der Strich veränderte sich leicht und wurde launischer und runder.
Die folgenden 10 Jahre lebte Okuneva abwechselnd in Europa und Indien. Indien hatte ihr Herz für immer erobert und erwiderte ihre Liebe. Neue Ausstellungen, Begegnungen, Freunde und die exotische Schönheit der indischen Natur begeisterten sie dermaßen, dass es ihr nicht mehr genügte, ihre Gefühle nur in der bildnerischen Kunst auszudrücken. Okuneva begann, Essays und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften zu verfassen. Parallel dazu schuf sie Buntstiftzeichnungen als Begleitung zu den Texten. Diese sind nicht nur flüchtige Skizzen von touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern von der Künstlerin erlebte und erfühlte Ecken Indiens. Es ist, als ob sie uns sagen wollte: "hier bin ich gewesen und habe auf den Stufen des alten Tempels Rast gemacht, dieser Palmenhain hat mich mit seiner Frische liebkost, und dieser vertrocknete alte Baum hat meinen Blick gefangen." Der Baum war von Anfang an handelnde Person in vielen Arbeiten Okunevas.
Just handelnde Person und nicht etwa Hintergrund oder zusätzliches
Detail. Olga spürte gleichsam intuitiv die sakrale Bedeutung des
Baumes und fühlte sich später bei der Lektüre altindischer
und altgriechischer Literatur darin bestätigt. Als sie nach Indien
kam, wo bis heute Bäume als heilig verehrt werden, wurde Okuneva
zur Schaffung der beiden großen in Öl gemalten Zyklen "Der
heilige Hain" und "Ummauerter Garten" inspiriert. Es
ist ein ewiges und unerschöpfliches Thema: Der Baum des Lebens,
der Baum der Erkenntnis oder der Baum als Symbol für die Erschaffung
der Welt und die Harmonie des Menschen mit der Welt. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Olga Okuneva in den Niederlanden,
und zwar in Amsterdam. Das künstlerische Projekt, das die Gemälde
der beiden genannten Zyklen und graphischen Blätter in verschiedenen
Techniken vereint, wurde in Kunstgalerien von Amsterdam und Den Haag
erfolgreich gezeigt. Svetlana Rudstein-Repnikova, Kunstwissenschafterin Die Übersetzung wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung "Fachübersetzung Kunst und Kultur” im WS 10/11 am Institut für Translationswissenschaft der Univ. Innsbruck unter Leitung von Mag. A.M. Platzgummer angefertigt. |